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Fremde Weiterleitungsregel im Postfach

Der Zugang ist zu, die Mails gehen trotzdem weiter mit. Eine eingerichtete Weiterleitung überlebt jeden Passwortwechsel – sie hängt am Konto.

Aufwand:
ca. 30 Min.
Voraussetzung:
Zugang zu den Postfacheinstellungen, im Firmenumfeld: Exchange Online PowerShell
Gilt für:
E-Mail-Konten mit serverseitigen Regeln, Exchange Online und Outlook im Web

Das Symptom

Der Vorfall ist scheinbar erledigt: neues Passwort, alle Geräte abgemeldet, zwei Faktoren eingerichtet. Trotzdem stimmt etwas nicht. Bestätigungsmails von Diensten, bei denen jemand ein Passwort zurückgesetzt hat, kommen nie an. Ein Geschäftspartner bekommt eine perfekt getimte Antwort auf einen Vorgang, von dem man selbst nichts weiß. Oder man merkt schlicht: Ausgerechnet die Mails, auf die es ankam, sind nicht im Posteingang – dafür liegen sie im Ordner „RSS-Abonnements“, in den seit Jahren niemand geschaut hat.

Die „Layer 8“-Wahrheit

Ein Passwort ist die Antwort auf die Frage „Wer darf hier hinein?“. Eine Weiterleitungsregel ist die Antwort auf die Frage „Was tut dieses Postfach mit ankommender Post?“. Das sind zwei verschiedene Fragen, und der Passwortwechsel beantwortet nur die erste neu. Die Regel bleibt, weil sie zum Postfach gehört und nicht zur Anmeldung. Sie läuft auf dem Server, sie läuft rund um die Uhr, und sie braucht die Gegenseite nicht dabei.

Microsoft nennt das beim Namen und benutzt dafür ein Wort, das die Sache genau trifft: Persistenzmechanismus. Nachdem sich ein Angreifer Zugriff verschafft hat, versucht er sich festzusetzen, um drinzubleiben oder nach seiner Entdeckung erneut Zugriff zu erlangen. Daraus folgt zweierlei. Erstens ist die Regel kein Detail am Rand des Aufräumens, sondern der eigentliche Schaden, wenn man sie übersieht. Zweitens ergibt sich die Reihenfolge von selbst, und Microsoft schreibt sie auch so hin: erst den Zugang blockieren – Kennwort, Sitzungen –, dann die Regeln. Wer zuerst die Regel löscht, während der Zugang noch offen ist, hat eine Minute lang recht gehabt.

Der dritte Punkt ist der, an dem die meisten scheitern: Man sucht an einer Stelle und es gibt drei. Die Regelliste, die man kennt. Die ausgeblendeten Regeln, die man nur mit dem passenden Schalter zu sehen bekommt. Und die Weiterleitung auf Postfachebene, die in keiner Regelliste steht, sondern in den Eigenschaften des Postfachs. Und weil all das im Postfach liegt und nicht auf dem Gerät, ist die Sache mit dem neu aufgesetzten Rechner erledigt, bevor sie anfängt – Microsoft sagt ausdrücklich, dass ein neuer Computer nicht hilft, weil sich beim ersten Verbinden alles wieder aus der Cloud herunterlädt.

Die echte, verifizierte Lösung

1000 % faktenbasiert. Jeder Befehl ist real, jeder Pfad existiert. Schritt für Schritt:

  1. 1.

    Zuerst den Zugang schließen, dann die Regel entfernen

    Microsoft stellt die Reihenfolge ausdrücklich auf: Nachdem der Angreifer Zugriff erlangt hat, müsse man den Zugriff so schnell wie möglich blockieren; danach werden bekannte Methoden abgearbeitet, die es dem Angreifer ermöglichen könnten, die Persistenz aufrechtzuerhalten und später die Kontrolle wiederzuerlangen. Kennwort und Sitzungen sind Schritt 1 und 2, die Weiterleitungen Schritt 6. Wer diese Reihenfolge tauscht, räumt auf, während jemand danebensteht.

  2. 2.

    Die Weiterleitung auf Postfachebene prüfen

    Das ist die Stelle, die in keiner Regelliste auftaucht. Ein nicht leerer Wert bei ForwardingAddress bedeutet laut Microsoft Weiterleitung an einen internen Empfänger, ein nicht leerer Wert bei ForwardingSmtpAddress Weiterleitung an einen externen Empfänger. Im privaten Postfach heißt dieselbe Einstellung meist schlicht „Weiterleitung“ und steht in den Einstellungen unter E-Mail.

    Get-Mailbox -Identity <Identity> | Format-List Forwarding*Address,DeliverTo*
  3. 3.

    Alle Posteingangsregeln auflisten – auch die ausgeblendeten

    Microsoft nennt den Zweck des Schalters selbst: alle Posteingangsregeln einschließlich ausgeblendeter Regeln auf solche prüfen, die Nachrichten ohne Wissen des Benutzers umleiten oder weiterleiten. Interessant sind die Werte RedirectTo, ForwardTo und ForwardAsAttachmentTo – jeder nicht leere Wert ist eine Adresse, an die Post geht.

    Get-InboxRule -Mailbox <Identity> -IncludeHidden | Format-List Name,Enabled,RedirectTo,Forward*,Identity
  4. 4.

    Verdächtige Regeln vollständig ansehen, bevor man sie löscht

    Der Identity-Wert aus der Liste führt zur vollständigen Regel. Das lohnt sich, weil aus den Bedingungen hervorgeht, was mitgelesen werden sollte – Regeln, die auf Stichworte wie den Namen einer Bank oder das Wort Rechnung reagieren, sind ein anderes Problem als eine pauschale Weiterleitung. Und es ist die einzige Gelegenheit, den Wortlaut zu sichern, bevor er weg ist.

    Get-InboxRule -Identity '<Identity>' -IncludeHidden | Format-List
  5. 5.

    Auch die Regeln suchen, die Post verstecken statt weiterleiten

    Microsoft führt als Symptom eines kompromittierten Kontos nicht nur Regeln auf, die automatisch an unbekannte Adressen weiterleiten, sondern ebenso Regeln, die Nachrichten in die Ordner Notizen, Junk-E-Mail oder RSS-Abonnements verschieben. Der Zweck ist derselbe wie beim Wegräumen: Man soll die Warnmails des Anbieters und die Rücksetzbestätigungen anderer Dienste nicht sehen.

  6. 6.

    Die übrigen Spuren im Postfach durchgehen

    Microsoft nennt als weitere Symptome verdächtige Nachrichten in den Ordnern Gesendete Elemente und Gelöschte Elemente, geänderte Kontaktdaten und verdächtige E-Mail-Signaturen, etwa eine gefälschte Banksignatur. Die eigene Signatur ist ein beliebter Ort, weil sie in jeder Antwort mitgeht und niemand sie liest, der sie täglich sieht.

  7. 7.

    Nach ein paar Tagen ein zweites Mal nachsehen

    Das ist kein Misstrauen gegen die eigene Arbeit, sondern folgt direkt aus Microsofts Einordnung: Der Sinn eines Persistenzmechanismus ist, nach der Entdeckung wieder Zugriff zu erlangen. Ist die Regel wieder da oder steht eine neue Adresse in den Weiterleitungseinstellungen, war der Zugang noch offen – dann beginnt man wieder bei Kennwort und Sitzungen, statt nur die Regel erneut zu löschen.

  8. 8.

    Im privaten Postfach ohne PowerShell dieselben drei Orte prüfen

    Die Befehle oben sind das Werkzeug für Exchange Online. Wer ein privates Konto hat, sucht dieselben drei Dinge in der Weboberfläche: die Weiterleitungseinstellung des Kontos, die Regelliste und die Antwortadresse. Das BSI beschreibt genau diesen Prüfschritt für Privatleute – kontrollieren, ob Einstellungen verändert wurden, kritisch wären zum Beispiel automatische Weiterleitungen von Nachrichten an fremde E-Mail-Adressen.

Häufige Fragen (FAQ)

?Ich habe doch das Passwort geändert. Wieso liest jemand weiter mit?

Weil eine Weiterleitung keine Anmeldung ist. Sie ist eine Einstellung des Postfachs, und das Postfach führt sie aus, ganz gleich, wer sich zuletzt angemeldet hat. Microsoft ordnet solche Regeln ausdrücklich als Persistenzmechanismus ein: Nachdem sich ein Angreifer Zugriff verschafft hat, versucht er sich festzusetzen, um darin zu bleiben oder nach seiner Entdeckung erneut Zugriff zu erlangen. Der Passwortwechsel schließt die Tür; die Regel ist das Fenster, das man vergessen hat.

?Hilft es, Outlook neu zu installieren oder einen neuen Rechner zu nehmen?

Nein, und Microsoft sagt das genau so: Das erneute Installieren von Outlook oder sogar die Bereitstellung eines neuen Computers sei nicht hilfreich – wenn die Neuinstallation eine Verbindung mit dem Postfach herstellt, werden alle Regeln und Formulare aus der Cloud synchronisiert. Die Regel liegt nicht auf dem Gerät, sondern im Postfach. Deshalb bringt jede Reparatur am Gerät hier nichts.

?Ich sehe in meinen Regeln nichts Verdächtiges. Kann trotzdem eine da sein?

Ja. Microsoft nennt in seiner Anleitung zum kompromittierten Konto ausdrücklich auch ausgeblendete Regeln und lässt sie mit dem Schalter -IncludeHidden auflisten. Dazu kommt eine zweite Stelle, die viele gar nicht als Regel wahrnehmen: die Weiterleitung auf Postfachebene. Die steht nicht in der Regelliste, sondern in den Eigenschaften ForwardingAddress und ForwardingSmtpAddress des Postfachs.

?Woran erkenne ich, dass Mails weitergeleitet und nicht nur kopiert werden?

An einer einzigen Eigenschaft. Microsoft beschreibt DeliverToMailboxAndForward so: Bei True werden Nachrichten an dieses Postfach übermittelt und an den angegebenen Empfänger weitergeleitet, bei False werden sie an den angegebenen Empfänger weitergeleitet und in diesem Postfach nicht zugestellt. Das erklärt beide Beobachtungen, die Betroffene machen: Entweder ist alles scheinbar normal, oder es fehlen ausgerechnet die wichtigen Mails.

?In welcher Reihenfolge räume ich auf – erst die Regel oder erst das Passwort?

Erst den Zugang. Microsoft ordnet die Schritte so an: Konto sperren beziehungsweise Kennwort zurücksetzen, dann die aktiven Sitzungen widerrufen, und erst als Schritt 6 die E-Mail-Weiterleitungen prüfen und entfernen. Der Grund ist einfach: Wer die Regel löscht, während der Zugang noch offen ist, hat sie gelöscht – und die Gegenseite legt sie neu an.

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