Das Symptom
Der Rat kommt von allen Seiten: Schalt doch den Dunkelmodus ein, das ist besser für die Augen. Also schaltet man ihn ein — und liest schlechter als vorher. Die Schrift wirkt dünner und flimmert leicht. Manche Apps sind dunkel, andere strahlen dazwischen weiß auf. Auf durchscheinenden Leisten steht Text mal vor Hell, mal vor Dunkel, je nachdem, was gerade darunter liegt. Und der graue Hinweis, der vorher schon schwer zu lesen war, ist jetzt vollends verschwunden. Danach beginnt das Herumprobieren an einem Dutzend Schaltern, deren Namen alle irgendwie nach Kontrast klingen.
Die „Layer 8“-Wahrheit
Der Dunkelmodus ist keine Sehhilfe. Er ist eine Umgebungsanpassung — hilfreich im dunklen Raum, sparsam auf manchen Bildschirmen, für viele angenehmer. Was er ausdrücklich nicht ist, sagt Microsoft in seiner Dokumentation in einem Warnkasten: Man solle Kontrastdesigns nicht mit hellen und dunklen Designs verwechseln, denn helle und dunkle Designs verwenden breitere Farbpaletten und sind nicht speziell auf maximalen Kontrast optimiert. Damit ist der ganze Irrtum benannt. Wer Lesbarkeit sucht und den Dunkelmodus einschaltet, hat einen Farbgeschmack gewechselt, keine Sehhilfe eingeschaltet.
Was ein Kontrastdesign stattdessen ist, steht im selben Dokument: eine bewusst eingeschränkte Farbpalette mit Kontrastverhältnissen, die typischerweise bei oder über 7:1 liegen, gebaut zur besseren Lesbarkeit und gegen visuelle Ermüdung. Das ist ein anderer Gegenstand mit einer Zahl dahinter. In Windows liegt er unter den Barrierefreiheits-Einstellungen bei den Kontrastdesigns, mit vier mitgelieferten Varianten — Aquatic, Desert, Dusk und Night sky —, deren Einzelfarben sich nachträglich anpassen lassen. Und es gibt eine Tastenkombination dafür, die zwei Dinge gleichzeitig erklärt: Linke Alt-Taste, linke Umschalttaste und Druck schalten sofort um. Sie ist praktisch, wenn man kurz etwas entziffern muss. Sie ist zugleich die Antwort auf die verbreitete Frage, warum ein Rechner nach einem versehentlichen Tastengriff plötzlich türkis-schwarz aussieht — war vorher nichts gewählt, greift Aquatic.
Auf dem iPhone gibt es keinen einzelnen Schalter dieser Art, sondern eine Werkzeugkiste unter „Anzeige & Textgröße“. Die beiden wirksamsten heißen „Erhöhter Kontrast“ und „Transparenz reduzieren“, und der zweite wird fast immer unterschätzt. Durchscheinende Flächen sind nämlich die eine Stelle, an der Kontrast grundsätzlich unberechenbar wird: Der Text steht dann nicht auf einer Farbe, sondern auf allem, was gerade darunter durchscheint. Apple beschreibt den Schalter genau so — transparente Hintergründe werden mit einer deckenden Farbe undurchsichtig gemacht, damit diese Bereiche leichter zu sehen sind. Nebenbei verrät das Handbuch an anderer Stelle, wie ernst das System diese Einstellung nimmt: Solange „Transparenz reduzieren“ oder „Erhöhter Kontrast“ aktiv ist, lässt sich das transparente Erscheinungsbild der Oberfläche gar nicht mehr frei wählen.
Dann die Umkehrung, an der die meisten scheitern, weil es zwei davon gibt. „Umkehren – Intelligent“ dreht alle Farben außer in Bildern; „Umkehren – Klassisch“ dreht alles, Fotos eingeschlossen. Wer die klassische Variante erwischt, hält das Negativ-Aussehen seiner Bilder für einen Defekt, dabei steht es wörtlich auf dem Schalter. Und der eigentliche Zweck der Sache steht im Handbuch gleich mit dabei: Die Umkehrung sei besonders in Apps und auf Websites nützlich, die den Dunkelmodus nicht unterstützen. Damit ist sie genau das, was viele vom Dunkelmodus erwartet hatten — er wirkt nur dort, wo eine Anwendung mitspielt, sie wirkt überall.
Ein Detail, das echte Zeit kostet, weil es aussieht wie ein Fehler: Night Shift entfernt automatisch umgekehrte Farben und Farbfilter, mit Graustufen als einziger Ausnahme. Wer die Umkehrung zum Lesen braucht und Night Shift zeitgesteuert laufen lässt, verliert die Lesehilfe abends — also genau dann, wenn sie am nötigsten wäre. Das ist keine Störung, sondern eine dokumentierte Vorfahrtsregel; man muss sie nur kennen, um sich zu entscheiden.
Bleibt der Fall, in dem am Gerät gar nichts mehr zu holen ist. Wenn zwei Zustände sich ausschließlich in der Farbe unterscheiden — der rote Pflichtfeld- Rahmen, der grüne Haken, die Linie im Diagramm —, dann liegt der Fehler nicht bei der Einstellung, sondern beim Anbieter. Erfolgskriterium 1.4.1 der WCAG verlangt auf der untersten Konformitätsstufe, dass Farbe nicht das einzige visuelle Mittel ist, um Information zu vermitteln, eine Handlung anzuzeigen, eine Reaktion zu verlangen oder ein Element zu unterscheiden. Die Schalter „Ohne Farben differenzieren“ und „Ein/Aus-Beschriftungen“ sind für solche Stellen gedacht — als Notbehelf des Systems für etwas, das die Anwendung falsch gemacht hat. Sie helfen. Sie ändern aber nichts daran, wo der Fehler sitzt.