Das Symptom
Ein Tippen, zwei Reaktionen. Die App öffnet sich und schließt sich sofort wieder, weil der zweite Kontakt als zweiter Tipp gezählt wurde. Beim Wischen durch eine Liste wird stattdessen etwas angeklickt. Der Finger setzt richtig auf, rutscht beim Anheben einen Millimeter, und getroffen ist der Nachbarknopf. Und dann verschwindet gelegentlich der halbe geschriebene Text, ohne dass jemand etwas gedrückt hätte. Wer das erlebt, hat zwei Erklärungen zur Auswahl, und beide sind falsch: „Der Bildschirm ist kaputt“ und „Ich stelle mich zu ungeschickt an.“
Die „Layer 8“-Wahrheit
Ein Touchscreen entscheidet ununterbrochen über Dinge, die niemand ihm gesagt hat. Wann beginnt eine Berührung? Wann endet sie? Zählt die Stelle, an der der Finger aufsetzt, oder die, an der er sich hebt? Sind zwei Kontakte im Abstand von hundert Millisekunden zwei Eingaben oder eine zittrige? Auf all das gibt es Voreinstellungen, und die sind auf eine ruhige, schnelle Hand geeicht. Wer eine andere Hand hat, bekommt keine Fehlermeldung — er bekommt falsche Ergebnisse, die aussehen, als habe er sie selbst verursacht.
Dass diese Entscheidungen einstellbar sind, wissen erstaunlich wenige. Apples Handbuch nennt die Gruppe „Touch-Anpassungen“ und schreibt gleich im ersten Satz hin, für wen sie gedacht ist: für Probleme wie Zittern der Hände, eingeschränkte Fingerfertigkeit oder eingeschränkte Feinmotorik. Dahinter stehen drei Regler, die genau die drei oben genannten Fragen beantworten. „Wiederholung ignorieren“ fasst mehrere Berührungen innerhalb einer einstellbaren Zeitspanne zu einer zusammen — das ist die Antwort auf den doppelten Auslöser. Der „Tipp-Assistent“ entscheidet zwischen erstem und letztem Berührungspunkt, also darüber, ob das Aufsetzen oder das Anheben zählt. Und die „Haltedauer“ legt fest, wie lange ein Finger liegen muss, bevor die Berührung überhaupt gilt.
Bei der Haltedauer steckt die Falle, an der die meisten wieder aufgeben. Das Handbuch sagt es dazu, aber man muss es lesen: Ist die Haltedauer aktiv, werden Tippen und Streichgesten während dieses Zeitraums ignoriert. Wer also nur diesen einen Regler setzt, hat das versehentliche Tippen beseitigt und das absichtliche Wischen gleich mit — und schließt daraus, die Funktion tauge nichts. Sie taugt; sie braucht nur den zweiten Schalter daneben, mit dem sich Streichgesten weiterhin auslösen lassen und die dafür nötige Bewegung festlegen lässt.
Der Text, der von selbst verschwindet, hat eine eigene Ursache und ist der schönste Fall in dieser Sammlung, weil er zweimal dokumentiert ist. Am Gerät heißt er „Zum Widerrufen schütteln“, und Apple beschreibt den Ausweg beiläufig für alle, die das Telefon häufiger versehentlich schütteln: abschalten. In der Richtlinie heißt derselbe Sachverhalt Erfolgskriterium 2.5.4 Motion Actuation und steht auf Stufe A. Verlangt wird dort, dass eine Funktion, die sich durch Gerätebewegung oder Körperbewegung auslösen lässt, auch über Bedienelemente bedienbar ist — und dass sich die Reaktion auf die Bewegung abschalten lässt, um versehentliches Auslösen zu verhindern. Wörtlich: um versehentliches Auslösen zu verhindern. Genau das passiert hier, jeden Tag, und es ist vorgesehen, dass man es abstellen kann.
An der Tastatur wiederholt sich das Muster mit anderen Namen. Drei Zeitwerte entscheiden über den Ärger: wie lange eine Taste gedrückt sein muss, bevor sie zählt; wie lange, bis sie sich wiederholt, und wie schnell dann; und ob Kombinationen gleichzeitig oder nacheinander gedrückt werden dürfen. Der letzte Punkt heißt bei Apple „Einfingerbedienung“ und wird mit einem Beispiel erklärt, das die Sache sofort klarmacht — Command-Z lässt sich eingeben, indem man erst Command und dann Z drückt. Die Wiederholung lässt sich außerdem ganz abschalten. Für viele ist das der wirksamste einzelne Handgriff überhaupt, und er kostet zehn Sekunden.
Bleibt der Teil, an dem das eigene Gerät nichts mehr ausrichten kann: zu kleine oder zu dicht gesetzte Bedienelemente in fremden Apps und auf fremden Seiten. Dafür gibt es seit WCAG 2.2 eine Zahl. Erfolgskriterium 2.5.8 verlangt auf Stufe AA mindestens 24 mal 24 CSS-Pixel für Zeigereingaben, mit einer Ausnahme, die Abstand statt Größe zulässt — untermaßige Ziele sind erlaubt, solange ein Kreis von 24 CSS-Pixeln Durchmesser um jedes von ihnen kein anderes Ziel schneidet. Das Verständnisdokument nennt die adressierten Beeinträchtigungen ausdrücklich: Handzittern, Spastik und Querschnittlähmung. Und es benennt den Zweck in einem Satz, der jede Diskussion darüber abkürzt: Ausreichende Größe oder ausreichender Abstand verringern die Wahrscheinlichkeit, versehentlich das falsche Bedienelement auszulösen. Für Android-Apps empfiehlt Google sogar 48 mal 48 dp und setzt hinzu, größer sei noch besser.
Was am Ende bleibt, ist eine Umkehr der Beweislast. Wer die drei Regler gesetzt hat und immer noch danebentrifft, tut das nicht mehr wegen seiner Hand, sondern wegen einer Oberfläche, die eine Zahl aus dem Standard unterschreitet. Das ist kein Trost, sondern eine Diagnose — und Diagnosen lassen sich melden, während Ungeschicklichkeit sich nur ertragen lässt.