Das Symptom
Der eigene Anbieter hat eine Großstörung, seit Stunden. Kein Netz, keine Anrufe, keine Daten. Am selben Mast, sichtbar am selben Ortsschild, funken zwei andere Anbieter ungerührt weiter, und das Handy der Kollegin läuft normal. Das eigene Gerät zeigt stur null Balken und denkt nicht daran, nach nebenan auszuweichen.
In der manuellen Netzwahl stehen die fremden Netze sogar in der Liste. Sie auszuwählen führt aber nur zu einer kurzen Suche und dann wieder zu nichts. Irgendwann kommt der Verdacht auf, das Handy sei kaputt — dabei ist es das einzige Gerät im Raum, das sich regelkonform verhält.
Die „Layer 8“-Wahrheit
Der Grund ist banal und wird trotzdem regelmäßig für Boshaftigkeit gehalten: Ein fremdes Netz gehört dir nicht. Ohne Roaming-Abkommen ist es für deine Karte kein zulässiges Netz, und es weist dich ab. Für den Fall, dass ein ganzer Anbieter ausfällt, hat 3GPP genau dafür einen eigenen Mechanismus nachgerüstet: MINT, Minimization of service interruption, umgangssprachlich Katastrophen-Roaming. Er existiert seit Release 17, er steht im Standard, und er ist an deinem Gerät mit hoher Wahrscheinlichkeit aus.
Denn er ist nicht dafür gebaut, dass du ihn benutzt. Der Standard sagt: Hat das Gerät keine Angabe darüber gespeichert, ob Katastrophen-Roaming aktiviert ist, oder steht sie auf abgeschaltet, dann darf das Gerät kein Katastrophen-Roaming durchführen. Diese Angabe kommt vom Heimatnetz, zusammen mit einer Liste der Netze, die im Katastrophenfall benutzt werden dürfen. Dazu muss das Ersatznetz in seiner Zelle eine Katastrophenkennung aussenden. Es sind also zwei Betreiber und ein Vorabvertrag nötig, damit dein Telefon umziehen darf — und keiner der drei Beteiligten sitzt in deinem Einstellungsmenü. Wer dort nach einem Schalter sucht, sucht etwas, das es bewusst nicht gibt.
Und selbst wenn alles vorbereitet ist, geht es nicht sofort. Der Standard schreibt eine Zufallsverzögerung vor: Das Gerät zieht eine Zufallszahl aus einem vom Netz vorgegebenen Wartezeitfenster und darf bis zu deren Ablauf keine Registrierung einleiten. Ausgenommen ist nur die Erstregistrierung für Notdienste. Das ist keine Schikane, sondern Statik: Ein Netz, das schlagartig die Kundschaft eines Wettbewerbers aufnimmt, wäre ohne diese Streuung binnen Minuten der zweite Ausfall des Tages. Beim Rückweg gilt dasselbe noch einmal. Der eine Handgriff, den man in dieser Lage wirklich unterlassen sollte, ist übrigens die Handeinwahl ins fremde Netz: Deren Absage landet als dauerhafter Sperreintrag auf der SIM und überlebt Neustart und Kartenentnahme. Dann hat man nach der Störung ein Problem mehr als vorher.