Layer 8Ehrlicher Tech-Support

Großveranstaltung: nichts geht — der Kollege telefoniert doch

Wenn das Netz sperrt, entscheidet eine Zugangsklasse auf der SIM und ein Würfelwurf. Beides ist nicht käuflich, und Wahlwiederholung macht es schlimmer.

Aufwand:
ca. 10 Min.
Gilt für:
Mobilfunkgeräte nach 3GPP TS 22.011, GSM, UMTS, LTE und 5G

Das Symptom

Silvester, Stadion, Volksfest, Bahnhof nach einer Streckensperrung: Das Handy zeigt vollen Empfang und tut trotzdem nichts. Anrufe brechen sofort ab, Nachrichten hängen im Ausgang, die Karten-App dreht sich. Zwei Meter weiter telefoniert jemand seelenruhig, beim selben Anbieter, mit einem älteren Gerät.

Also probiert man es noch einmal. Und noch einmal. Und dann im Flugmodus aus und wieder an, und dann noch einmal. Es wird nicht besser, sondern messbar schlechter — was einen darin bestärkt, dass man Opfer eines besonders schlechten Vertrags geworden ist.

Die „Layer 8“-Wahrheit

Volle Balken heißen: Ich höre die Zelle. Sie heißen nicht: Die Zelle nimmt mich an. Bei drohender Überlastung strahlt das Netz zellenweise aus, welche Zugangsklassen gerade gesperrt sind, und jedes Gerät gehört genau einer von zehn Klassen an — einer Nummer, die zufällig zugeteilt wurde und auf der SIM steht. Es dürfen beliebig viele dieser Klassen gleichzeitig gesperrt sein. Der Kollege zwei Meter weiter hat also nicht das bessere Netz, sondern die gerade nicht gesperrte Losnummer. Das ist kein Marktergebnis, das ist eine Lotterie, und man hat sie beim Kauf der Karte gespielt, ohne es zu merken.

Darüber liegen fünf Sonderklassen, und deren Verteilung liest sich wie eine Antwort auf die Frage, wer im Ernstfall telefonieren können muss: Netzbetreiberpersonal, Rettungsdienste, Versorgungswirtschaft, Sicherheitsbehörden, der Betreiber selbst. Diese Karten sind nicht käuflich, und der Standard betont eigens, dass die Aufzählung keine Rangfolge sein soll. Wer eine solche Karte hat, sollte allerdings wissen, dass ihr Vorrang an der Landesgrenze endet: Die Einsatzklassen gelten im Heimatnetz und in besuchten Netzen des Heimatlandes, wobei als Heimatland das Land der Landeskennung in der IMSI zählt.

Bleibt der Reflex mit der Wahlwiederholung, und der ist die eigentliche Layer-8-Stelle. Das Gerät würfelt bei jedem Verbindungsaufbau eine Zahl zwischen 0 und 1 und vergleicht sie mit der ausgestrahlten Sperrrate. Verliert es, sind weitere Versuche derselben Art für eine Zeitspanne gesperrt, die aus der vom Netz genannten mittleren Sperrdauer und eben dieser Zufallszahl errechnet wird. Jeder erneute Tastendruck ist damit kein zweiter Versuch, sondern eine neue Wartezeit. Sinnvoller ist, die Art des Zugriffs zu wechseln — Sperren lassen sich getrennt für Daten, Signalisierung, Kurznachrichten und Sprache setzen — oder die Zelle zu wechseln, also aus der Menge herauszulaufen. Und für den Notruf gibt es ein eigenes Steuerbit, das der Betreiber gesondert setzen müsste. Nichts davon ist ein Defekt. Es ist eine Notbremse, die laut Standard unter normalen Betriebsbedingungen gar nicht gezogen werden soll.

Die echte, verifizierte Lösung

1000 % faktenbasiert. Jeder Befehl ist real, jeder Pfad existiert. Schritt für Schritt:

  1. 1.

    Die Wahlwiederholung sein lassen

    Sie ist hier aktiv schädlich. 3GPP TS 22.011 beschreibt in Abschnitt 4.3.1, dass das Gerät beim Verbindungsaufbau eine gleichverteilte Zufallszahl zwischen 0 und 1 zieht und sie mit der aktuellen Sperrrate vergleicht. Wird der Versuch nicht zugelassen, sind weitere Versuche derselben Art anschließend für eine Zeitspanne gesperrt, die sich aus der vom Netz gesendeten mittleren Sperrdauer und der gezogenen Zufallszahl errechnet. Jeder ungeduldige Tastendruck startet also eine neue Sperrfrist, statt sie zu verkürzen.

  2. 2.

    Eine andere Art von Zugriff versuchen

    Die Sperre wirkt nicht pauschal. Nach Abschnitt 4.3.1 kann das Netz in E-UTRAN die Zugangskontrolle nach Art des Zugriffsversuchs unterscheiden — etwa abgehende Daten gegenüber abgehender Signalisierung — und Kombinationen daraus bilden; mittlere Sperrdauer und Sperrrate werden je Art gesendet. Ob eine Kurznachricht oder ein Sprachanruf noch durchgeht, wenn Daten blockiert sind, hängt davon ab, was der Betreiber gerade sperrt: Der Standard sieht dafür eigene Anzeigen für SMS sowie für MMTEL-Sprache und MMTEL-Video vor, jeweils gültig für die Klassen 0 bis 9 und 11 bis 15.

  3. 3.

    Den Notruf getrennt betrachten

    Für Notrufe gibt es ein eigenes Signal. Abschnitt 4.3.1 beschreibt ein zusätzliches Steuerbit, die sogenannte Access Class 10, das über die Luftschnittstelle mitgeteilt wird und angibt, ob der Netzzugang für Notrufe für Geräte mit den Klassen 0 bis 9 oder ohne IMSI erlaubt ist. Für Geräte mit den Klassen 11 bis 15 gilt: Notrufe sind nur dann nicht erlaubt, wenn sowohl die Access Class 10 als auch die jeweilige eigene Klasse gesperrt sind. Andernfalls sind Notrufe erlaubt. Die Notrufsperre ist damit eine eigene, bewusste Entscheidung des Betreibers und nicht der Normalfall.

  4. 4.

    Nicht den Flugmodus als Wundermittel nehmen

    Der Aus-und-wieder-an-Reflex verschiebt nichts, weil die Zugangsklasse fest auf der SIM steht und die Sperre zellenweise ausgestrahlt wird. Was sich ändern lässt, ist die Zelle: ein paar hundert Meter aus der Menge heraus wirken zuverlässiger als jeder Schalter im Menü.

  5. 5.

    Auf einen anderen Weg ausweichen

    Die Zugangskontrolle regelt den Zugang zum Mobilfunknetz, nicht zum Internet als solchem. Wo ein brauchbares WLAN steht, laufen Nachrichten und Anrufe darüber weiter, während der Mobilfunkzugang gesperrt ist.

  6. 6.

    Verstehen, dass das kein Ausfall ist

    3GPP TS 22.011 nennt in Abschnitt 4.1 den Zweck beim Namen: Der Einsatz dieser Möglichkeiten erlaubt es dem Netzbetreiber, unter kritischen Bedingungen eine Überlastung des Zugangskanals zu verhindern — und stellt im nächsten Satz klar, dass eine Zugangskontrolle unter normalen Betriebsbedingungen nicht vorgesehen ist. Wer im Stadion nicht durchkommt, erlebt die Notbremse, nicht den Defekt.

Häufige Fragen (FAQ)

?Warum kommt der eine durch und der andere nicht?

Weil eine Zufallszahl auf der SIM darüber entscheidet. 3GPP TS 22.011 legt in Abschnitt 4.2 fest, dass alle Geräte Mitglied genau einer von zehn zufällig zugeteilten Populationen sind, den Zugangsklassen 0 bis 9, und dass diese Nummer auf der SIM oder USIM gespeichert ist. Das Netz kann laut Abschnitt 4.1 zellenweise ausstrahlen, welche Klassen vom Netzzugang ausgeschlossen sind, und nach Abschnitt 4.3.1 darf eine beliebige Anzahl dieser Klassen gleichzeitig gesperrt sein. Wer durchkommt, hat also weder den besseren Tarif noch das bessere Handy, sondern die gerade nicht gesperrte Losnummer.

?Kann ich mir eine bessere Zugangsklasse besorgen?

Nicht als normaler Kunde. Neben den Klassen 0 bis 9 kennt 3GPP TS 22.011 in Abschnitt 4.2 fünf Sonderkategorien, die Zugangsklassen 11 bis 15, die ebenfalls auf der Karte stehen und ausdrücklich bestimmten hochprioren Nutzern zugeteilt sind: Klasse 15 dem Personal des Netzbetreibers, Klasse 14 den Rettungsdiensten, Klasse 13 der Versorgungswirtschaft wie Wasser- oder Gasversorgern, Klasse 12 den Sicherheitsbehörden und Klasse 11 dem Netzbetreiber selbst. Der Standard stellt der Aufzählung dabei die Bemerkung voran, dass sie keine Rangfolge darstellt. Diese Karten werden zugeteilt, nicht verkauft.

?Gilt meine Sonderklasse auch im Ausland?

Nur teilweise, und das überrascht regelmäßig. 3GPP TS 22.011 grenzt in Abschnitt 4.3.1 die Reichweite ab: Die Klassen 0 bis 9 gelten im Heimatnetz und in besuchten Netzen. Die Klassen 11 und 15 gelten nur im Heimatnetz beziehungsweise in einem EHPLMN. Die Klassen 12, 13 und 14 gelten im Heimatnetz und in besuchten Netzen des Heimatlandes — wobei als Heimatland ausdrücklich das Land des MCC-Teils der IMSI gilt. Eine Einsatzkarte verliert ihren Vorrang also an der Landesgrenze, nicht am Netzrand.

Belege

Diese Seite ist gegen die folgenden Primärquellen geprüft – Hersteller, Standard oder Gesetzestext. Wer es nicht glaubt, muss es nicht: Da steht, wo es nachzulesen ist.

Zuletzt geprüft am . Dokumentation altert – ein Datum daneben ist der einzige ehrliche Umgang damit.

Verwandte Fehler

MOBLästigPUK

SIM-Karte gesperrt: PUK erforderlich

Nach dreimal falscher SIM-PIN verlangt das Handy den PUK? Das ist der Rettungscode des Anbieters — ohne ihn wird die SIM unbrauchbar.