Das Symptom
Silvester, Stadion, Volksfest, Bahnhof nach einer Streckensperrung: Das Handy zeigt
vollen Empfang und tut trotzdem nichts. Anrufe brechen sofort ab, Nachrichten hängen im
Ausgang, die Karten-App dreht sich. Zwei Meter weiter telefoniert jemand seelenruhig,
beim selben Anbieter, mit einem älteren Gerät.
Also probiert man es noch einmal. Und noch einmal. Und dann im Flugmodus aus und wieder
an, und dann noch einmal. Es wird nicht besser, sondern messbar schlechter — was einen
darin bestärkt, dass man Opfer eines besonders schlechten Vertrags geworden ist.
Die „Layer 8“-Wahrheit
Volle Balken heißen: Ich höre die Zelle. Sie heißen nicht: Die Zelle nimmt mich an. Bei
drohender Überlastung strahlt das Netz zellenweise aus, welche Zugangsklassen gerade
gesperrt sind, und jedes Gerät gehört genau einer von zehn Klassen an — einer Nummer, die
zufällig zugeteilt wurde und auf der SIM steht. Es dürfen beliebig viele dieser Klassen
gleichzeitig gesperrt sein. Der Kollege zwei Meter weiter hat also nicht das bessere
Netz, sondern die gerade nicht gesperrte Losnummer. Das ist kein Marktergebnis, das ist
eine Lotterie, und man hat sie beim Kauf der Karte gespielt, ohne es zu merken.
Darüber liegen fünf Sonderklassen, und deren Verteilung liest sich wie eine Antwort auf
die Frage, wer im Ernstfall telefonieren können muss: Netzbetreiberpersonal,
Rettungsdienste, Versorgungswirtschaft, Sicherheitsbehörden, der Betreiber selbst. Diese
Karten sind nicht käuflich, und der Standard betont eigens, dass die Aufzählung keine
Rangfolge sein soll. Wer eine solche Karte hat, sollte allerdings wissen, dass ihr
Vorrang an der Landesgrenze endet: Die Einsatzklassen gelten im Heimatnetz und in
besuchten Netzen des Heimatlandes, wobei als Heimatland das Land der Landeskennung in der
IMSI zählt.
Bleibt der Reflex mit der Wahlwiederholung, und der ist die eigentliche Layer-8-Stelle.
Das Gerät würfelt bei jedem Verbindungsaufbau eine Zahl zwischen 0 und 1 und vergleicht
sie mit der ausgestrahlten Sperrrate. Verliert es, sind weitere Versuche derselben Art
für eine Zeitspanne gesperrt, die aus der vom Netz genannten mittleren Sperrdauer und
eben dieser Zufallszahl errechnet wird. Jeder erneute Tastendruck ist damit kein zweiter
Versuch, sondern eine neue Wartezeit. Sinnvoller ist, die Art des Zugriffs zu wechseln —
Sperren lassen sich getrennt für Daten, Signalisierung, Kurznachrichten und Sprache
setzen — oder die Zelle zu wechseln, also aus der Menge herauszulaufen. Und für den
Notruf gibt es ein eigenes Steuerbit, das der Betreiber gesondert setzen müsste. Nichts
davon ist ein Defekt. Es ist eine Notbremse, die laut Standard unter normalen
Betriebsbedingungen gar nicht gezogen werden soll.
Die echte, verifizierte Lösung
1000 % faktenbasiert. Jeder Befehl ist real, jeder Pfad existiert. Schritt für Schritt:
1.Die Wahlwiederholung sein lassen
Sie ist hier aktiv schädlich. 3GPP TS 22.011 beschreibt in Abschnitt 4.3.1, dass das Gerät beim Verbindungsaufbau eine gleichverteilte Zufallszahl zwischen 0 und 1 zieht und sie mit der aktuellen Sperrrate vergleicht. Wird der Versuch nicht zugelassen, sind weitere Versuche derselben Art anschließend für eine Zeitspanne gesperrt, die sich aus der vom Netz gesendeten mittleren Sperrdauer und der gezogenen Zufallszahl errechnet. Jeder ungeduldige Tastendruck startet also eine neue Sperrfrist, statt sie zu verkürzen.
2.Eine andere Art von Zugriff versuchen
Die Sperre wirkt nicht pauschal. Nach Abschnitt 4.3.1 kann das Netz in E-UTRAN die Zugangskontrolle nach Art des Zugriffsversuchs unterscheiden — etwa abgehende Daten gegenüber abgehender Signalisierung — und Kombinationen daraus bilden; mittlere Sperrdauer und Sperrrate werden je Art gesendet. Ob eine Kurznachricht oder ein Sprachanruf noch durchgeht, wenn Daten blockiert sind, hängt davon ab, was der Betreiber gerade sperrt: Der Standard sieht dafür eigene Anzeigen für SMS sowie für MMTEL-Sprache und MMTEL-Video vor, jeweils gültig für die Klassen 0 bis 9 und 11 bis 15.
3.Den Notruf getrennt betrachten
Für Notrufe gibt es ein eigenes Signal. Abschnitt 4.3.1 beschreibt ein zusätzliches Steuerbit, die sogenannte Access Class 10, das über die Luftschnittstelle mitgeteilt wird und angibt, ob der Netzzugang für Notrufe für Geräte mit den Klassen 0 bis 9 oder ohne IMSI erlaubt ist. Für Geräte mit den Klassen 11 bis 15 gilt: Notrufe sind nur dann nicht erlaubt, wenn sowohl die Access Class 10 als auch die jeweilige eigene Klasse gesperrt sind. Andernfalls sind Notrufe erlaubt. Die Notrufsperre ist damit eine eigene, bewusste Entscheidung des Betreibers und nicht der Normalfall.
4.Nicht den Flugmodus als Wundermittel nehmen
Der Aus-und-wieder-an-Reflex verschiebt nichts, weil die Zugangsklasse fest auf der SIM steht und die Sperre zellenweise ausgestrahlt wird. Was sich ändern lässt, ist die Zelle: ein paar hundert Meter aus der Menge heraus wirken zuverlässiger als jeder Schalter im Menü.
5.Auf einen anderen Weg ausweichen
Die Zugangskontrolle regelt den Zugang zum Mobilfunknetz, nicht zum Internet als solchem. Wo ein brauchbares WLAN steht, laufen Nachrichten und Anrufe darüber weiter, während der Mobilfunkzugang gesperrt ist.
6.Verstehen, dass das kein Ausfall ist
3GPP TS 22.011 nennt in Abschnitt 4.1 den Zweck beim Namen: Der Einsatz dieser Möglichkeiten erlaubt es dem Netzbetreiber, unter kritischen Bedingungen eine Überlastung des Zugangskanals zu verhindern — und stellt im nächsten Satz klar, dass eine Zugangskontrolle unter normalen Betriebsbedingungen nicht vorgesehen ist. Wer im Stadion nicht durchkommt, erlebt die Notbremse, nicht den Defekt.