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Drucker streikt bei fast leerer Patrone

Der Drucker verweigert den Dienst, weil eine Patrone fast leer ist. Was der Standard dazu sagt: Fast leer ist eine Warnung, kein Grund zum Anhalten.

Aufwand:
ca. 15 Min.
Voraussetzung:
Terminal unter Linux oder macOS, Root-Rechte für Änderungen an der Warteschlange, Zugang zum Bedienfeld des Druckers
Gilt für:
Linux mit CUPS, macOS, Netzwerkdrucker mit IPP

Das Symptom

Auf dem Display steht, dass eine Patrone bald leer ist. Nicht leer — bald leer. Der Ausdruck vorhin war tadellos, kein Streifen, kein blasses Feld. Trotzdem nimmt das Gerät ab sofort keinen Auftrag mehr an. Die Warteschlange füllt sich, der Drucker blinkt vorwurfsvoll, und die einzige angebotene Handlung heißt: Verbrauchsmaterial ersetzen. Sie haben ein Gerät gekauft, das nun selbst entscheidet, wann Sie einkaufen gehen.

Die „Layer 8“-Wahrheit

Für diesen Fall gibt es einen Standardtext, und er ist überraschend eindeutig. Das Internet Printing Protocol, festgeschrieben in RFC 8011, lässt jeden Drucker seinen Zustand in einer festen Liste von Gründen melden. Zwei davon sind hier relevant. Der eine heißt marker-supply-low und bedeutet im Wortlaut: Das Gerät ist knapp bei mindestens einem Verbrauchsmaterial — Toner, Tinte, Farbband. Der andere heißt marker-supply-empty und bedeutet: Das Gerät ist aus. Das sind nicht zwei Stufen derselben Meldung, sondern zwei verschiedene Dinge.

Denn RFC 8011 lässt an jeden dieser Gründe eine Schwere anhängen. Es gibt Berichte, Warnungen und Fehler, und der Standard definiert die Stufen streng. Über Warnungen schreibt er wörtlich, dass sie nichts enthalten dürfen, was den Abschluss eines Auftrags verhindert — die Ausgabe darf schlechter werden, aber der Auftrag muss durchlaufen. Über Fehler schreibt er das Gegenteil: Enthält die Zustandsliste einen Fehler, muss der Drucker im Zustand stopped sein. Fehlt der Zusatz, gilt eine Faustregel, die der Standard ausdrücklich formuliert: Steht der Drucker, ist es ein Fehler, sonst eine Warnung.

Und damit ist gesagt, was hier passiert: Ein Gerät, das bei „fast leer“ den Dienst einstellt, hat diesen Zustand für sich zum Fehler erklärt — obwohl er inhaltlich nichts weiter besagt, als dass ein Vorrat zur Neige geht. Formal ist das zulässig, denn wie ein Hersteller seine Zustände einstuft, schreibt das Protokoll ihm nicht vor. Verlangt hat es aber auch niemand: Nirgends im Standard steht, dass ein knapper Vorrat ein Grund zum Anhalten wäre. Warum ein Hersteller es trotzdem so baut, beantwortet weder ein Standard noch eine Handbuchseite noch ein Protokollmitschnitt — und deshalb steht hier auch keine Antwort, sondern nur die Feststellung, dass die Belegbarkeit an dieser Stelle endet. Alles Weitere wäre Vermutung, und Vermutungen gehören nicht in eine Anleitung.

Was Sie tun können, teilt sich sauber in zwei Bereiche. Auf der Rechnerseite ist alles dokumentiert und beeinflussbar: Die Warteschlange lässt sich wieder freigeben, die Auswertung der Füllstände lässt sich abschalten, der gemeldete Zustand lässt sich im Klartext lesen. Auf der Geräteseite gilt das Handbuch Ihres Modells und sonst nichts. Und die dritte Möglichkeit ist die, die der Hersteller im Sinn hatte, als er das so gebaut hat. Sie wissen schon, welche.

Die echte, verifizierte Lösung

1000 % faktenbasiert. Jeder Befehl ist real, jeder Pfad existiert. Schritt für Schritt:

  1. 1.

    Den gemeldeten Zustand im Klartext ansehen

    Bevor man dem Gerät glaubt, fragt man es. Die CUPS-Handbuchseite beschreibt den einen Schalter als ausführliche Auflistung der Drucker und den anderen als Anzeige der Drucker samt der Information, ob sie zum Drucken freigegeben sind. In dieser Ausgabe steht der Grund, aus dem die Warteschlange steht — und zwar in der Sprache des Standards, also etwa als marker-supply-low oder marker-supply-empty.

    lpstat -l -p
    
  2. 2.

    Warnung von Fehler unterscheiden

    Jetzt wird es entscheidend. RFC 8011 hängt an jeden Zustandsgrund optional eine Schwere an: report, warning oder error. Für Warnungen gilt laut Standard ausdrücklich, dass sie nichts enthalten dürfen, was den Abschluss eines Auftrags verhindert. Steht in der Ausgabe eine Warnung und das Gerät druckt trotzdem nicht, liegt das nicht am Protokoll. Fehlt der Zusatz ganz, gibt der Standard eine Faustregel vor: Ist der Drucker im Zustand stopped, ist es ein Fehler, sonst eine Warnung.

  3. 3.

    Prüfen, ob die Warteschlange selbst blockiert

    Manchmal steht nicht das Gerät, sondern der Rechner davor: Die Warteschlange wurde nach dem letzten Fehler angehalten und nie wieder freigegeben. Der eine Schalter zeigt laut Handbuch den Annahmezustand der Warteschlangen, der andere, ob der Drucker zum Drucken freigegeben ist. Sind Annahme und Freigabe beide in Ordnung und es passiert trotzdem nichts, sitzt die Blockade im Gerät.

    lpstat -a
    lpstat -p
    
  4. 4.

    Die Warteschlange wieder in Betrieb nehmen

    Steht die Warteschlange, hilft das Gegenstück zum Anhalten. Die Handbuchseite ist knapp und eindeutig: cupsenable startet die genannten Drucker oder Klassen, cupsdisable stoppt sie. Nimmt der Drucker keine Aufträge mehr an, weist cupsaccept das Drucksystem an, Aufträge für dieses Ziel wieder anzunehmen. Beides braucht Verwaltungsrechte.

    sudo cupsenable Drucker
    sudo cupsaccept Drucker
    
  5. 5.

    Die Füllstandsmeldung auf der Rechnerseite abschalten

    Wenn die Meldung selbst das Problem ist — etwa weil sie bei einer nachgefüllten oder fremden Patrone dauerhaft falsch steht —, lässt sich ihre Auswertung auf der Rechnerseite abstellen. Die CUPS-Verwaltung kennt dafür zwei Schalter: einen, der laut Handbuch festlegt, ob IPP-Füllstandswerte gemeldet werden, und einen für die Füllstände nach RFC 3805 über SNMP. Das schaltet die Anzeige ab, nicht das Verhalten des Geräts — der Unterschied ist wichtig.

    sudo lpadmin -p Drucker -o cupsSNMPSupplies=false
    sudo lpadmin -p Drucker -o cupsIPPSupplies=false
    
  6. 6.

    Am Gerät selbst quittieren — und die Grenze anerkennen

    Bleibt das Gerät stur, führt kein dokumentierter Weg mehr daran vorbei. Ob ein Drucker eine Fast-leer-Meldung überhaupt quittieren lässt, mit welcher Tastenkombination und ob er danach weiterdruckt, steht ausschließlich im Handbuch des jeweiligen Modells. Es gibt dafür keinen Standard, keine allgemeine Tastenfolge und keinen Befehl — wer Ihnen etwas anderes verspricht, rät. An dieser Stelle hört die belegbare Anleitung auf und fängt das Handbuch Ihres Herstellers an.

Häufige Fragen (FAQ)

?Ist „fast leer“ laut Standard überhaupt ein Grund, nicht zu drucken?

Vorgeschrieben ist es jedenfalls nirgends. Das Internet Printing Protocol kennt den Zustand als marker-supply-low und definiert ihn als „The device is low on at least one marker supply, e.g., toner, ink, ribbon.“ Ein Grund zum Anhalten steht dort nicht. Der Standard lässt jedes Gerät selbst eine Schwere anhängen, und er sagt genau, was diese Stufen bedeuten: „A warning MUST contain nothing that prevents a Job from completing, though in some cases the output can be of lower quality.“ Ein Drucker, der bei knappem Vorrat stehen bleibt, erklärt diesen Zustand damit zum Fehler statt zur Warnung. Formal darf er das. Verlangt hat es niemand — und warum er es tut, steht in keinem Standard. Hier endet die belegbare Auskunft.

?Was ist der Unterschied zwischen fast leer und leer?

Ein sehr großer, und der Standard trennt ihn sauber. Neben marker-supply-low gibt es marker-supply-empty: „The device is out of at least one marker supply, e.g., toner, ink, ribbon.“ Erst dieser zweite Zustand ist ein echter Fehler — und für Fehler gilt laut RFC 8011: „If this attribute contains one or more errors, the Printer MUST be in the ‚stopped‘ state.“ Fast leer und leer sind also nicht zwei Stufen derselben Sache, sondern zwei verschiedene Kategorien: eine, bei der weitergedruckt werden darf, und eine, bei der das Gerät stehen muss.

?Woher weiß der Drucker überhaupt, wie voll die Patrone ist?

Der Standard sagt es nicht. RFC 8011 legt fest, wie ein Gerät seinen Zustand meldet, nicht, wie es ihn misst. Auf der Rechnerseite ist immerhin dokumentiert, woher die Zahlen kommen: Die CUPS-Verwaltung kennt zwei Schalter dafür, einen für IPP-Füllstände und einen für Füllstände nach dem Drucker-Standard RFC 3805 über SNMP. Ob dahinter eine echte Messung, ein Seitenzähler oder eine Schätzung steht, ist Sache des Geräts und nirgends allgemein festgelegt. Das ist der ehrliche Stand — alles Weitere wäre geraten.

Belege

Diese Seite ist gegen die folgenden Primärquellen geprüft – Hersteller, Standard oder Gesetzestext. Wer es nicht glaubt, muss es nicht: Da steht, wo es nachzulesen ist.

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