Layer 8Ehrlicher Tech-Support

Der Druckauftrag geht unverschlüsselt durchs Netz

Gehaltszettel, Arztbrief, Kündigung: Netzwerkdrucker übertragen das alles meist im Klartext. Der Standard erlaubt es — verlangt hat es niemand.

Aufwand:
ca. 20 Min.
Voraussetzung:
Terminal unter Linux oder macOS, Root-Rechte für Änderungen an der Warteschlange, Weboberfläche des Druckers, Bei verwalteten Rechnern: Zugang zur Gruppenrichtlinie
Gilt für:
Netzwerkdrucker mit IPP, Linux mit CUPS, macOS, Windows 11 mit der IPP-Klassenunterstützung

Das Symptom

Es gibt keins. Genau das ist das Problem.

Der Drucker im Flur funktioniert tadellos. Alle im Haus drucken darauf: die Gehaltsabrechnung, den Arztbrief, die Kündigung, die Steuererklärung, das Zeugnis des Kindes. Nichts stockt, nichts hängt, nichts meldet einen Fehler. Und niemand hat je gefragt, in welcher Form diese Dokumente eigentlich durchs Netz gehen, bevor sie aus dem Gerät kommen.

Die „Layer 8“-Wahrheit

Sie gehen im Klartext. Fast immer.

Das ist keine Nachlässigkeit eines einzelnen Herstellers, sondern eine Entscheidung, die im Standard nachzulesen ist. RFC 8010 empfiehlt Clients und Druckern die Unterstützung von TLS — empfiehlt, nicht verlangt. Und die Notiz darunter ist eines der ehrlichsten Stücke Text, die man in einer Spezifikation findet: Weil frühere Fassungen TLS nicht verlangt hätten, könne diese es ebenfalls nicht verlangen. Direkt danach steht, was auf dem Spiel steht — dass beim Drucken oft sehr private Dinge übertragen werden, genannt sind medizinische Berichte, Leistungsbeurteilungen, Bankinformationen, und dass die Überwachung von Netzen allgegenwärtig sei. Die Verfasser wussten also genau, was sie nicht verlangen konnten.

Auf der Windows-Seite lässt sich dieselbe Entscheidung als Zahl ablesen. Es gibt eine Richtlinie, die verschlüsselte Verbindungen zur Pflicht macht. Ihr dokumentierter Standardwert ist 0 — aus. Ab Werk dürfen Drucker eingerichtet werden, die kein IPPS beherrschen. Verschlüsselung ist hier nicht der Normalfall mit einer Ausnahme, sondern die Ausnahme mit einem Schalter.

Zwei Irrtümer halten sich dabei besonders hartnäckig. Der erste: Man erkenne es am Port. Man erkennt es nicht — RFC 7472 hält ausdrücklich fest, dass 631 für beide Adressformen benutzt wird, für das verschlüsselte ipps ebenso wie für das offene ipp. Der zweite: Im eigenen WLAN sei das egal. Das war schon vor dem Gastzugang für Besucher fragwürdig und ist es seit dem ersten smarten Gerät im selben Netz erst recht. Ein Netz ist kein Raum mit einer Tür, sondern ein Flur, an dem viele Zimmer liegen.

Der Layer-8-Anteil daran ist nicht Bequemlichkeit, sondern eine falsche Vorstellung davon, was ein Drucker ist. Man hält ihn für ein Endgerät wie eine Lampe — es geht etwas hinein und ein Blatt kommt heraus. Tatsächlich ist er ein Server im Netz, der Dokumente entgegennimmt, zwischenspeichert und auf einer eingebauten Festplatte behält, oft länger, als irgendwer vermutet. Die Frage lautet also nicht, ob jemand mitliest. Sie lautet, ob man je danach gefragt hat.

Die echte, verifizierte Lösung

1000 % faktenbasiert. Jeder Befehl ist real, jeder Pfad existiert. Schritt für Schritt:

  1. 1.

    Erst nachsehen, wie die Warteschlange wirklich eingerichtet ist

    Unter Linux und macOS beantwortet das ein einziger Befehl. Die CUPS-Handbuchseite beschreibt den Schalter als Anzeige der Drucker und des Geräts, an das sie angeschlossen sind. Herauskommt die Geräteadresse — und die beginnt entweder mit ipp, mit ipps oder mit etwas ganz anderem wie socket. Das ist die Auskunft, um die es hier geht, und sie kostet zwei Sekunden.

    lpstat -v
    
  2. 2.

    Den Drucker selbst fragen, was er an Sicherheit anbietet

    Raten ist unnötig, denn der Standard sieht die Frage vor. RFC 8011 führt zwei Eigenschaften, mit denen ein Client die Sicherheitsvorgaben eines Druckers ermitteln kann; für jede angebotene Adresse steht dort entweder none oder tls. Abrufen lässt sich das mit dem Prüfwerkzeug von CUPS, das laut Handbuchseite eine Testdatei für die Druckereigenschaften mitbringt. Steht im Ergebnis überall none, ist die Sache entschieden.

    ipptool -tv ipp://drucker.example.com/ipp/print get-printer-attributes.test
    
  3. 3.

    In der Weboberfläche des Geräts nachsehen, ob es TLS überhaupt kann

    Viele Geräte können mehr, als bei ihnen eingerichtet ist: ein Zertifikat erzeugen, IPP über TLS anbieten, den unverschlüsselten Zugang abschalten. Wo diese Schalter sitzen und wie sie heißen, unterscheidet sich von Hersteller zu Hersteller — hier endet die belegbare Auskunft. Was dagegen für alle gilt: Ein Gerät, dessen Weboberfläche selbst nur über http erreichbar ist, hat für dieses Thema noch nie jemand angefasst.

  4. 4.

    Die Warteschlange auf die verschlüsselte Adresse umstellen

    Kann das Gerät es, wird die Warteschlange neu auf die ipps-Adresse gesetzt. Die Handbuchseite zu lpadmin beschreibt den Schalter als Setzen der Geräteadresse der Warteschlange und verweist für die Liste der möglichen Adressen auf lpinfo. Wichtig ist der Modellwert everywhere: Die Handbuchseite hält fest, dass er den Drucker unter der angegebenen IPP-Adresse abfragt — und dass alle anderen Modelle abgekündigt sind.

    lpinfo -v
    sudo lpadmin -p Drucker -E -v ipps://drucker.example.com/ipp/print -m everywhere
    
  5. 5.

    Die Verbindung zum Druckserver getrennt davon absichern

    Eine Sache wird hier oft verwechselt: Verschlüsselung zum Drucker und Verschlüsselung zum Druckserver sind zwei verschiedene Strecken. Die CUPS-Werkzeuge haben dafür einen eigenen Schalter — bei lpoptions beschrieben als Einschalten der Verschlüsselung zur Kommunikation mit dem CUPS-Server, bei lpadmin ausdrücklich abhängig von der Stellung im Befehl. Die Handbuchseite kommentiert das mit bemerkenswerter Offenheit als unglückliche historische Eigenart.

  6. 6.

    Unter Windows die Richtlinie bewusst setzen — oder bewusst nicht

    Wer verhindern will, dass unverschlüsselte Drucker überhaupt eingerichtet werden, setzt die Richtlinie Require IPPS for IPP printers unter Computerkonfiguration im Zweig Drucker. Die Kehrseite steht in derselben Beschreibung: Dann lassen sich nur noch Drucker einrichten, die IPPS beherrschen. In einem Haushalt mit einem älteren Gerät ist das kein Gewinn, sondern eine Sperre. Die Entscheidung gehört getroffen, nicht geerbt.

  7. 7.

    Wenn nichts davon geht, das Risiko benennen statt es wegzureden

    Ein Drucker, der kein TLS kann, bleibt unverschlüsselt — daran ändert kein Schalter etwas. Dann hilft nur, das Ergebnis anzuerkennen und den Umgang anzupassen: solche Geräte nicht ins Gastnetz und nicht ins offene WLAN, keine Personalunterlagen und keine Arztbriefe darüber, und beim nächsten Gerätekauf die Frage nach IPPS auf die Liste. Das ist weniger befriedigend als eine Anleitung mit Häkchen am Ende — aber es ist die Lage.

Häufige Fragen (FAQ)

?Verschlüsselt mein Drucker denn nicht von selbst?

Fast sicher nicht, und der Standard erklärt auch, warum. RFC 8010 formuliert die Anforderung ausdrücklich als Empfehlung, nicht als Pflicht: „IPP Clients and Printers SHOULD support Transport Layer Security (TLS) … for Server Authentication and Operation Privacy.“ Und die Begründung dafür ist ungewöhnlich offen: „Because previous versions of this specification did not require TLS support, this version cannot require it for IPP/1.1. However, since printing often involves a great deal of sensitive or private information (medical reports, performance reviews, banking information, etc.) and network monitoring is pervasive, implementors are strongly encouraged to include TLS support.“ Es steht also im Standard, dass hier private Dinge übertragen werden — und dass man es trotzdem nicht verlangen konnte.

?Woran erkenne ich, ob meine Warteschlange verschlüsselt überträgt?

An der Adresse, mit der sie eingerichtet wurde. Der unverschlüsselte Weg heißt ipp, der verschlüsselte ipps — RFC 7472 definiert Letzteren als „the Internet Printing Protocol (IPP) over HTTPS transport binding and the corresponding ‚ipps‘ URI scheme, which is used to designate the access to the network location of a secure IPP print service“. Am Port lässt sich das ausdrücklich nicht ablesen: „Per [RFC2910], if the port is empty or not given, then port 631 MUST be used“ und „port 631 is used for both ‚ipp‘ [RFC3510] and ‚ipps‘ URIs“. Wer also den Port 631 sieht und daraus schließt, es sei unverschlüsselt, schließt falsch — und wer daraus schließt, es sei verschlüsselt, ebenso.

?Kann ich Windows zwingen, nur noch verschlüsselt zu drucken?

Es gibt eine Richtlinie dafür, und ihr Standardwert ist die Antwort auf die eigentliche Frage. Microsoft beschreibt sie so: „Determines whether communication with printers using the Microsoft IPP Class Driver must use IPPS (which uses TLS for secure communication).“ Eingeschaltet gilt: „then only IPP printers which support IPPS can be installed.“ Und ab Werk: „If you disable this setting or don't configure it, the default is to allow installation of IPP printers which don't support IPPS.“ Der dokumentierte Standardwert ist 0, also aus. Verschlüsselung ist hier also nicht der Normalfall, von dem man abweichen kann, sondern die Ausnahme, die man einschalten muss.

Belege

Diese Seite ist gegen die folgenden Primärquellen geprüft – Hersteller, Standard oder Gesetzestext. Wer es nicht glaubt, muss es nicht: Da steht, wo es nachzulesen ist.

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