Das Symptom
Im Familienchat liegt ein Foto von einem Ereignis, das es so nicht gegeben hat. Im
Kleinanzeigenportal steht ein Artikel mit einem Bild, das zu gut ist. Ein Kollege
schickt einen Screenshot als Beleg für eine Aussage, und im Streitfall wird er
hervorgeholt: Hier, ich habe ein Foto. Niemand fragt nach, denn ein Bild anzuzweifeln
gilt als übertrieben – bis eine Rückwärtssuche zeigt, dass dieselbe Aufnahme schon vor
Jahren unter einem anderen Ereignis lief.
Die „Layer 8“-Wahrheit
Die Gewohnheit, ein Foto als Nachweis zu nehmen, stammt aus einer Zeit, in der die
Herstellung eines überzeugenden Bildes teuer war. Diese Voraussetzung ist entfallen. Das
BSI beschreibt in seiner Verbraucherinformation, dass sich mit Bildgeneratoren aus einer
Texteingabe Bilder erzeugen lassen, die teilweise nur schwer von echten Fotos zu
unterscheiden sind, und stellt nüchtern fest, es werde immer schwieriger, echte Bilder
von KI-generierten zu unterscheiden. Es nennt zwar eine ganze Reihe optischer Merkmale –
Hände, Schatten, Reflexionen, Perspektive, Texte auf Schildern –, aber die taugen als
Alarm und nicht als Freispruch.
Was stattdessen trägt, ist die Verlagerung der Frage. Nicht das Bild wird geprüft,
sondern seine Herkunft: Wo ist es zuerst aufgetaucht, wer hat es veröffentlicht, gibt es
zweite Aufnahmen desselben Vorgangs, passt der Kontext zu unabhängigen Daten? Genau das
schlägt das BSI vor – Rückwärtssuche, Quelle hinterfragen, Wetter abgleichen, nach
weiteren Bildern suchen – und liefert dazu ein sehr brauchbares Unterscheidungsmerkmal:
KI-generierte Bilder gibt es meistens nur aus einer Perspektive, von echten Ereignissen
gibt es häufig Aufnahmen mehrerer Augenzeugen.
Und die technischen Herkunftsnachweise? Sie helfen, aber nur in eine Richtung. Google
schreibt für seine eigenen Bildmodelle, dass alle dort erzeugten Bilder ein
SynthID-Wasserzeichen enthalten; das BSI beschreibt Content Credentials als digitale
Herkunftsnachweise, die zeigen, woher ein Bild stammt und ob es bearbeitet wurde. Wenn
so etwas vorhanden und gültig ist, ist das eine Aussage. Fehlt es, ist es keine – die
Kennzeichnungspflicht der KI-Verordnung ändert daran wenig, denn das BSI hält im selben
Atemzug fest, dass vermutlich Wege gefunden werden, sie zu umgehen, und dass es schon heute Modelle
gibt, die auf eigener Hardware unmarkierte Bilder erzeugen. Selbst eine kryptografische
Signatur beim Aufnehmen, die das BSI als aktuelle Entwicklung nennt, hat eine Grenze,
die es gleich dazuschreibt: Sie verhindert nicht, dass die Quelle das Material vorher
selbst manipuliert. Layer 8 ist hier keine Leichtgläubigkeit, sondern ein Reflex, der
jahrzehntelang richtig war und einfach nicht nachgezogen wurde.
Die echte, verifizierte Lösung
1000 % faktenbasiert. Jeder Befehl ist real, jeder Pfad existiert. Schritt für Schritt:
1.Die Frage umstellen: nicht echt oder falsch, sondern woher
„Ist dieses Bild echt?“ ist am Bild selbst kaum zu beantworten. „Wo ist dieses Bild zuerst aufgetaucht, und wer sagt das?“ dagegen fast immer. Diese Umstellung ist der eigentliche Schritt; alles Weitere sind Handgriffe.
2.Rückwärtssuche machen
Das Bild in die Bildsuche einer Suchmaschine geben statt eines Suchbegriffs. Das BSI beschreibt genau das und nennt den Nutzen: herausfinden, woher ein Bild stammt und ob es an anderen Stellen im Internet verwendet wird. Häufigster Fund ist kein KI-Bild, sondern ein echtes Foto von 2017, das jetzt als aktuelle Aufnahme herumgereicht wird.
3.Nach einer zweiten Perspektive suchen
Gibt es weitere Aufnahmen desselben Vorgangs, aus einem anderen Winkel, von einer anderen Person? Das BSI hebt diesen Punkt hervor: KI-generierte Bilder gibt es meistens nur aus einer Perspektive, während von realen Ereignissen häufig Aufnahmen mehrerer Augenzeugen existieren. Eine einzige, perfekt komponierte Aufnahme von einem angeblich öffentlichen Ereignis ist genau das falsche Muster.
4.Den Kontext gegen unabhängige Daten halten
Das BSI schlägt einen Abgleich vor, der überraschend gut funktioniert: das im Bild dargestellte Wetter mit unabhängigen Wetterdaten für Region und Zeitpunkt vergleichen. Sonniger Himmel im Bild bei dokumentiertem Dauerregen ist ein handfester Widerspruch. Dasselbe gilt für Jahreszeit, Vegetation, Beschilderung und Kleidung.
5.Metadaten und Kennzeichnungen ansehen, aber richtig gewichten
Das BSI rät, auf fehlende oder manipulierte Metadaten wie Kameramodell, Datum und Ortsangabe zu achten sowie auf Hinweise wie „KI-generiert“ auf den Plattformen und auf Content Credentials. Wichtig ist die Richtung: Eine vorhandene, gültige Herkunftsangabe stützt ein Bild. Fehlende Metadaten belegen keine Fälschung – sie werden beim Hochladen in soziale Netzwerke routinemäßig entfernt.
6.Erkennungsdienste als Hinweisgeber behandeln
Das BSI nennt Detektoren als eine Möglichkeit unter mehreren und schreibt dazu: „Diese Dienste garantieren aktuell zwar keine zuverlässige Erkennung, sie können aber überprüfbare Hinweise liefern und werden ständig verbessert.“ Ein Treffer ist ein Anlass, weiterzusuchen. Ein unauffälliges Ergebnis beendet nichts.
7.Nicht weiterleiten, bevor die Herkunft steht
Das BSI ist hier ungewöhnlich klar: Fake-Bilder auf Social Media nicht unbedacht teilen, um ihre Weiterverbreitung zu stoppen – auch dann nicht, wenn für einen selbst offensichtlich ist, dass es sich um ein KI-generiertes Bild handelt. Wenn schon, dann mit einer Markierung oder einem Kommentar, dass es KI-generiert ist. Beim Weiterleiten geht die Herkunft ohnehin verloren, und aus einem Fund wird eine Behauptung.