Das Symptom
Der alte Laptop ist verkauft, die externe Platte verschenkt, das Handy beim Ankäufer
abgegeben. Vorher wurde alles gelöscht: Papierkorb geleert, formatiert, auf
Werkseinstellungen zurückgesetzt. Das Gerät sah aus wie neu. Der Käufer sieht das
möglicherweise anders – mit frei erhältlicher Rettungssoftware.
Die „Layer 8“-Wahrheit
Der Denkfehler ist derselbe, der die Datenrettung überhaupt erst möglich macht, nur
diesmal in die falsche Richtung. Löschen entfernt keine Daten, es entfernt den Verweis
darauf. Formatieren tauscht das Inhaltsverzeichnis aus. In beiden Fällen liegen die
Kapitel unverändert im Regal, sie stehen nur nicht mehr im Register. NIST nennt die
eigentlich gemeinte Tätigkeit Media Sanitization und beschreibt sie als Vorgang, der
den Zugriff auf die Zieldaten mit einem gegebenen Aufwand undurchführbar macht – das
ist eine ganz andere Zusage als „steht nicht mehr im Verzeichnis“.
Bei drehenden Festplatten ist die Lösung schlicht: einmal komplett überschreiben, dann
ist die alte Magnetisierung fort. Bei Halbleiterspeichern wird es interessanter, und
zwar nicht aus Bosheit, sondern aus Physik. Flash-Zellen nutzen sich ab, also verteilt
der Controller Schreibvorgänge über den gesamten Speicher, hält stille Reserve vor und
räumt im Hintergrund auf. Was das Betriebssystem für Block Nummer 12 hält, liegt
physisch irgendwo – und die vorherige Fassung möglicherweise noch woanders. Deshalb
gibt es für diese Geräte eigene Löschbefehle, und deshalb steht in deren Beschreibung
der ehrliche Zusatz, dass das Gerät sie unterstützen muss.
Die eigentliche Lehre kommt allerdings zu spät, wenn man diese Seite erst beim Verkauf
liest: Wer den Datenträger von Anfang an verschlüsselt, muss am Ende nur den Schlüssel
vernichten. Zwei Minuten beim Einrichten ersparen zwei Stunden beim Ausmisten – und
die ungute Frage, was der freundliche Käufer aus der Kleinanzeige beruflich so macht.
Die echte, verifizierte Lösung
1000 % faktenbasiert. Jeder Befehl ist real, jeder Pfad existiert. Schritt für Schritt:
1.Zuerst klären, ob wirklich gelöscht werden soll
Diese Anleitung vernichtet Daten mit Absicht und ohne Rückfahrkarte. Wenn auf dem Datenträger noch etwas liegt, das gebraucht wird, gehört es vorher gesichert und die Sicherung einmal geöffnet. Und wenn versehentlich etwas gelöscht wurde, das zurückgeholt werden soll, ist hier der falsche Ort – dann gilt das Gegenteil: sofort aufhören zu schreiben.
2.Den bequemen Weg nehmen, falls verschlüsselt wurde
Wer den Datenträger von Anfang an verschlüsselt hat, ist in Minuten fertig. Das BSI: „Wenn Sie die Daten auf dem Datenträger oder Gerät verschlüsselt haben, reicht es aus, alle Schlüssel sicher zu löschen.“ Ohne Schlüssel ist der Inhalt ein Haufen Zufallszahlen. Das ist zugleich die Lehre für das nächste Gerät: Verschlüsselung beim Einrichten kostet nichts und macht das Aufräumen am Lebensende trivial.
3.Das Gerät aus den Konten lösen
Vor dem Löschen abmelden und entkoppeln, sonst bleibt es in fremden Händen an das eigene Konto gebunden oder lässt sich nicht aktivieren. Beim iPhone empfiehlt das BSI ausdrücklich, vorher jegliches Zubehör zu entkoppeln und ein Backup zu erstellen. Beim Rechner gehören dazu Aktivierungen, Lizenzbindungen und synchronisierte Cloud-Konten.
4.Das richtige Gerät heraussuchen – und zwar zweimal
Der teuerste Fehler dieser ganzen Anleitung ist ein vertippter Buchstabe. Der folgende Befehl listet alle Datenträger mit Größe, Modell und Anschluss auf; die Spalte ROTA zeigt mit 1 eine drehende Festplatte und mit 0 einen Halbleiterspeicher. Erst wenn Größe und Modellbezeichnung eindeutig zum gemeinten Gerät passen, geht es weiter.
lsblk -d -o NAME,SIZE,MODEL,TRAN,ROTA
5.Den Datenträger überschreiben
Achtung: Die folgenden Befehle vernichten sämtliche Daten auf dem angegebenen Gerät unwiederbringlich, ohne Nachfrage und ohne Papierkorb. Ein falscher Gerätename bedeutet Totalverlust auf dem falschen Datenträger. Das BSI nennt für Linux genau diese beiden Befehle und lässt sie nacheinander ausführen: erst blkdiscard --secure, das die Blöcke im Gerät selbst verwirft, danach shred -vn 1, das den Datenträger in einem Durchgang mit Zufallszahlen überschreibt. Schlägt der erste Befehl fehl, wird er laut BSI ohne --secure wiederholt. blkdiscard ist laut Handbuch für SSDs und vergleichbaren Speicher gedacht; auf einer drehenden Festplatte kann es auch ohne --secure scheitern, dann leistet das anschließende Überschreiben die eigentliche Arbeit. Vor dem Ausführen den Platzhalter sdX durch den Gerätenamen aus dem vorigen Schritt ersetzen und ihn laut vorlesen.
sudo blkdiscard --secure /dev/sdX
sudo shred -vn 1 /dev/sdX
6.Bei Halbleiterspeichern den geräteeigenen Löschbefehl bevorzugen
Überschreiben ist für drehende Festplatten das Mittel der Wahl. Bei SSDs, USB-Sticks und SD-Karten arbeitet der Controller dazwischen, und das BSI verweist deshalb auf die Alternative: „Viele SSDs und einige moderne Festplatten erlauben die Ausführung eines spezifischen Befehls zum sicheren Löschen.“ Diese Funktion steckt je nach Gerät im UEFI-Setup des Rechners oder im Werkzeug des SSD-Herstellers. Wo sie fehlt oder scheitert, bleibt die Verschlüsselung aus Schritt 2 die verlässlichere Antwort.
7.Smartphone und Tablet: erst verschlüsseln, dann zurücksetzen
Ein Werksreset allein ist nur so gut wie die Verschlüsselung darunter. Das BSI weist für Android darauf hin, dass das Gerät „beispielsweise mit PIN, Muster oder Passwort geschützt sein“ muss, damit die Verschlüsselung aktiv ist. Also: Bildschirmsperre einrichten, warten bis die Verschlüsselung greift, dann alle Inhalte und Einstellungen löschen. Bei iOS und iPadOS führt der Weg über die Einstellungen und den Punkt zum Löschen aller Inhalte und Einstellungen.
8.Wenn nichts mehr geht: physisch zerstören
Bei einem defekten Datenträger lässt sich nichts mehr überschreiben – dann bleibt nur die Mechanik. Das BSI empfiehlt, in diesem Fall „die Festplatte physisch beschädigen oder zerstören“, und nennt als Maßstab: „Schon das Verbiegen der Scheiben in einer Festplatte führt dazu, dass die gängigen Methoden der Datenrettung nicht mehr anwendbar sind.“ Bei SSDs und Speicherkarten heißt das: die Speicherchips selbst treffen, nicht nur das Gehäuse.