Layer 8Ehrlicher Tech-Support

Versehentlich formatiert statt kopiert

Eine Schnellformatierung löscht die Dateitabelle, nicht die Daten. Entscheidend ist jetzt, nichts mehr auf den Datenträger zu schreiben.

Aufwand:
ca. 120 Min.
Voraussetzung:
Ein zweiter Datenträger mit Platz für die geretteten Dateien, Ein Rettungssystem von einem USB-Stick
Gilt für:
Windows, macOS, Linux, USB-Sticks und Speicherkarten

Das Symptom

Zwei Datenträger sehen im Auswahlfenster gleich aus. Der eine sollte das Ziel sein, der andere war die Quelle – und nach dem Klick auf Formatieren ist die Speicherkarte mit den Urlaubsbildern leer. Oder das Sicherungsprogramm hat beim Einrichten angeboten, das Zielmedium vorzubereiten, und das Zielmedium war die falsche Platte. Der Datenträger meldet sich anschließend als frisch und leer, sauber eingerichtet, mit dem vollen freien Speicherplatz.

Die „Layer 8“-Wahrheit

Die überraschend gute Nachricht zuerst: Formatieren löscht in aller Regel nicht, was man darunter versteht. Microsoft beschreibt für die Schnellformatierung wörtlich, was sie tut – sie entfernt die Dateitabelle und das Stammverzeichnis eines zuvor formatierten Datenträgers und führt dabei keine sektorweise Prüfung auf beschädigte Bereiche durch. Was sie nicht tut, steht in derselben Tabelle gleich daneben: Das Nullen jedes einzelnen Sektors ist ein eigener, ausdrücklich zu wählender Schalter. Eine Schnellformatierung nimmt also das Inhaltsverzeichnis heraus und lässt den Text stehen. Genau deshalb funktioniert Datenrettung überhaupt.

Und genau deshalb entscheidet sich alles in den nächsten Minuten, nicht in den nächsten Tagen. Der Datenträger hält jetzt Blöcke für frei, die es nicht sind. Alles, was ab jetzt darauf geschrieben wird, darf sie belegen: eine Datei, die man versehentlich hinüberzieht, ein Systemdienst, der einen Index anlegt, ein Installationsprogramm – und ganz besonders das Rettungsprogramm selbst, das der verzweifelte Nutzer herunterlädt und auf demselben Laufwerk installiert. Der Schaden, den ein Formatieren anrichtet, ist meist reparabel. Der Schaden, den die darauffolgende Rettungsaktion anrichtet, ist es oft nicht.

Für den Rest gibt es zwei Werkzeuge mit zwei sehr verschiedenen Ansätzen, und man sollte wissen, welches man wann braucht. TestDisk arbeitet an der Struktur: Es prüft und stellt verlorene Partitionen wieder her, und es kann bei einigen Dateisystemen gelöschte Dateien zurückholen. Die Handbuchseite ist dabei erfreulich ehrlich, welche das sind – FAT12, FAT16, FAT32, Linux ext2 und NTFS. Wer ext4 erwartet, findet es dort nicht, und das ist eine wichtigere Information als jede Erfolgsgeschichte aus einem Forum. Gelingt die Wiederherstellung der Partition, kommen Ordner und Dateinamen im günstigen Fall vollständig zurück.

PhotoRec geht den umgekehrten Weg. Es ignoriert das Dateisystem und sucht direkt nach den darunterliegenden Daten, und deshalb arbeitet es laut Handbuchseite auch dann, wenn das Dateisystem schwer beschädigt oder formatiert ist. Der Preis ist hoch, aber fair: Namen und Ordnerstruktur stehen im Dateisystem, und das ist ja gerade weg. Zurück kommen Inhalte – Bilder, Dokumente, Videos – als durchnummerierte Fundstücke, dazu Bruchstücke und Dubletten. Für die Urlaubsbilder ist das ein voller Erfolg, für einen gewachsenen Projektordner mit sprechenden Dateinamen eine mühsame Sortierarbeit.

Bemerkenswert an PhotoRec ist ein Satz aus seiner eigenen Dokumentation, an dem sich jedes Rettungswerkzeug messen lassen sollte: Das Programm sei sicher in der Anwendung, es werde niemals versuchen, auf den Datenträger zu schreiben, von dem Daten gerettet werden sollen. Wer ein Werkzeug in die Hand nimmt, das diese Zusage nicht gibt, sollte sich sehr gut überlegen, ob er es auf das Original loslässt – oder ob nicht doch der Weg über ein Labor der billigere ist, sobald die Daten wirklich unersetzlich sind.

Die echte, verifizierte Lösung

1000 % faktenbasiert. Jeder Befehl ist real, jeder Pfad existiert. Schritt für Schritt:

  1. 1.

    Sofort aufhören, den Datenträger zu benutzen

    Das ist der einzige Schritt, bei dem Zeit zählt. Betrifft es das Systemlaufwerk, gehört der Rechner ordentlich heruntergefahren; betrifft es einen Stick oder eine externe Platte, wird sie abgezogen. Jedes weitere Schreiben – auch das Herunterladen eines Rettungsprogramms, ein Windows-Update oder ein Indexlauf im Hintergrund – kann genau die Blöcke belegen, um die es geht.

  2. 2.

    Nachsehen, ob es eine Schnellformatierung war

    Der Regelfall bei einem versehentlichen Klick ist die Schnellformatierung, und sie ist die gute Nachricht. Sie entfernt laut Microsoft die Dateitabelle und das Stammverzeichnis, prüft aber nicht sektorweise und überschreibt den Inhalt nicht. Erst der Schalter zum Nullen jedes Sektors überschreibt tatsächlich. Wer eine vollständige Formatierung mit Überschreiben angestoßen und durchlaufen lassen hat, muss dagegen ehrlich mit sich sein: Dort ist nichts mehr zu holen.

  3. 3.

    Von einem anderen System aus arbeiten

    Ein Rettungssystem von einem USB-Stick oder ein zweiter Rechner, an den der betroffene Datenträger angeschlossen wird. Damit ist ausgeschlossen, dass das laufende Betriebssystem im Hintergrund auf das Laufwerk schreibt, das gerettet werden soll. Ein zweiter Datenträger für die geretteten Dateien muss vorher bereitliegen und mindestens so groß sein wie die erwartete Datenmenge.

  4. 4.

    Erst die Partition suchen, dann die Dateien

    Wenn nach dem Formatieren die Struktur fehlt, ist TestDisk das erste Werkzeug: Es prüft und stellt verlorene Partitionen wieder her. Der Listenmodus zeigt zunächst nur an, welche Partitionen das Programm findet, und verändert dabei nichts. Ist die alte Partition noch auffindbar, kommen im günstigen Fall Ordner und Dateinamen vollständig zurück.

    testdisk /list
    
  5. 5.

    Wenn die Struktur verloren ist, den Inhalt bergen

    PhotoRec geht den anderen Weg: Es ignoriert das Dateisystem und sucht direkt nach den darunterliegenden Daten, weshalb es laut Handbuchseite auch bei schwer beschädigtem oder formatiertem Dateisystem arbeitet. Das Zielverzeichnis für die Funde gehört zwingend auf ein anderes Laufwerk. Das Programm schreibt selbst nie auf den Datenträger, von dem gerettet wird.

    photorec /d /media/rettung/fundstuecke /dev/sdb
    
  6. 6.

    Die Ausbeute prüfen, bevor irgendetwas gelöscht wird

    Aus einer inhaltsbasierten Rettung kommen viele Dateien zurück, aber ohne Namen und ohne Ordner, dafür mit Bruchstücken und Dubletten. Erst wenn Stichproben tatsächlich öffnen – Bilder anzeigen, Dokumente lesbar, Videos abspielbar –, ist die Rettung geglückt. Bis dahin bleibt der Originaldatenträger unangetastet, denn ein zweiter Versuch mit anderen Einstellungen ist oft nötig.

  7. 7.

    Bei unersetzlichen Daten früher aufhören als zu spät

    Sind die Daten geschäftskritisch oder unwiederbringlich, ist jeder eigene Versuch ein Risiko, und ein zweiter Versuch nach einem schiefgegangenen ersten ist ein größeres. Ein Datenrettungslabor arbeitet an einer Kopie und nie am Original. Das kostet Geld und ist die einzige Vorgehensweise, die den Zustand garantiert nicht verschlechtert.

  8. 8.

    Danach den eigentlichen Fehler abstellen

    Ein Formatieren statt Kopieren passiert, weil zwei Datenträger gleich aussehen. Aussagekräftige Datenträgernamen, das Trennen aller nicht benötigten Laufwerke vor solchen Aktionen und eine Sicherung, die den Vorfall ohnehin abgefangen hätte, sind die drei Maßnahmen, die verhindern, dass es ein zweites Mal spannend wird.

Häufige Fragen (FAQ)

?Ist nach dem Formatieren wirklich noch etwas da?

Bei einer Schnellformatierung sehr wahrscheinlich ja. Microsoft beschreibt für den Schalter der Schnellformatierung genau das, was dabei passiert: Er löscht die Dateitabelle und das Stammverzeichnis eines zuvor formatierten Datenträgers und führt keine sektorweise Prüfung auf beschädigte Bereiche durch. Ein tatsächliches Überschreiben leistet erst ein anderer Schalter, der jeden Sektor des Datenträgers nullt. Eine Schnellformatierung nimmt also das Inhaltsverzeichnis weg, nicht den Text – und darauf beruht jede Rettung.

?Kann ich das Rettungsprogramm einfach auf dem Datenträger installieren?

Nein, und das ist der häufigste Weg, aus einem rettbaren Fall einen endgültigen zu machen. Jeder Schreibvorgang auf den betroffenen Datenträger kann genau die Blöcke belegen, in denen die verlorenen Dateien noch stehen. Programm und Rettungsziel gehören auf ein anderes Laufwerk. Gute Rettungswerkzeuge sind entsprechend gebaut: Die Dokumentation von PhotoRec sagt ausdrücklich, dass das Programm niemals versucht, auf den Datenträger zu schreiben, von dem gerettet werden soll.

?Was ist der Unterschied zwischen TestDisk und PhotoRec?

TestDisk arbeitet auf der Ebene der Struktur: Es prüft und stellt verlorene Partitionen wieder her und kann bei einigen Dateisystemen gelöschte Dateien zurückholen – die Handbuchseite nennt dafür FAT12, FAT16, FAT32, Linux ext2 und NTFS, ausdrücklich nicht ext3 oder ext4. PhotoRec ignoriert das Dateisystem und sucht direkt nach den Daten, weshalb es laut Handbuchseite auch dann funktioniert, wenn das Dateisystem schwer beschädigt oder formatiert ist. Der Preis dafür: Die Dateinamen und die Ordnerstruktur sind weg, die Inhalte kommen als sortierte Fundstücke zurück.

Belege

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